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Konzert vom 12.03.2017

Adagio mit Nietzsche

Katalane Josep Carol Überraschungsgast der Alten Philharmonie

Antonin Dvorak stand auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er mit 50 Jahren die Ouvertüre „In der Natur“ komponierte, die den Auftakt des ersten Jahreskonzertes der Alten Philharmonie Münster im Konzertsaal der Waldorfschule bildete. Diese in typischer Sonatenform angelegte Werk erzählt als Momentaufnahme vom stimmungsvollen Anbruch des Tages und ist durchweht von einer frühlingshaften Leichtigkeit. Vogelrufe sind zu hören, Hirtenklänge ertönen, die Natur erwacht pulsierend zu neuer Vitalität.

Danach konnte Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg eine Welturaufführung ankündigen, das Adagio aus dem vierteiligen Orchesterwerk „Quan la pau retorni per les valls“ (Wenn der Frieden in die Täler zurückkehrt) des katalanischen Komponisten Josep Carol. Dieser habe trotz seiner 89 Jahre die lange Reise von Barcelona nach Münster auf sich genommen, so Schmid-Kapfenburg weiter, um dem Konzert beiwohnen zu können. Schließlich sei es schon mehr als ein halbes Jahrhundert her, dass Werke Carols aufgeführt worden seien. Dem Komponisten gehe es bei seiner Arbeit allein um den schöpferischen Akt, weniger um die Wirkung.

Sein Adagio, dem ein Zitat Nietzsches zu Grunde liegt, thematisiert ein Naturerlebnis in den Pyrenäen und knüpft damit nahtlos an Dvorak an. Im Stil eher ruhig und getragen, kann die Arbeit in der Nachfolge des französischen Impressionismus gesehen werden, ist nach Innen gewandt und von meditativem Charakter. Als der bescheiden auftretende Carol nachher auf die Bühne gerufen wird, erhält er den herzlichsten Beifall.

Weiter ging es mit Dvoraks „Zehn biblischen Liedern“, die er während seiner amerikanischen Zeit geschrieben hatte. Als Solist brillierte Opernsänger Gregor Dalal vom Theater Münster.

Beschlossen wurde der Abend mit der jugendlich-aufwühlenden Sinfonie Nr. 1 (h-Moll), die der schwedische Komponist Kurt Atterberg mit Anfang Zwanzig geschaffen und als Dirigent 1912 selbst uraufgeführt hat.

Für eine großartige Ensembleleistung gab es lang anhaltenden Beifall.

Westfälische Nachrichten vom 14.03.2017
Michael Schardt

Konzert vom 25.09.2016

Jubel für „Pseudokomödie“ und Entdeckungen

Konzert der Alten Philharmonie mit Elisabeth Fürniss

Es war ein schöner Zufall, dass mit der Sinfonie Nr. 9 das Werk eines Geburtstagskindes auf dem Programm stand. Denn ihr Schöpfer heißt Dimitrij Schostakowitsch, der just am vergangenen Sonntag 110 Jahre alt geworden wäre, als die Alte Philharmonie Münster unter Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg in der Aula der Waldorfschule ihr umjubeltes Jahreskonzert gab.

Die „Pseudokomödie“, wie der Tonsetzer seine im August 1945 entstandene, Stalin kritische Schöpfung ironisch nannte, bildete den Begeisternden Schlusspunkt eine zweieinhalbstündigen Programms und war zugleich die einzige geläufige Komposition. Zuvor wurden unbekanntere oder selten dargebotene Stücke des späten 19. Und frühen 20. Jahrhunderts gespielt.

Zu Beginn wurde mit Hans Rott ein früh Verstorbener gespielt, der Lieblingsschüler von Anton Bruckner am Wiener Konservatorium gewesen sein soll. Dessen „Pastorales Vorspiel“, das en detail an frühe Schöpfungen Gustav Mahlers erinnert, war (wie sein gesamtes Schaffen) zu Lebzeiten unaufgeführt blieben. Leise beginnend, schreitet das kurze Stück langsam weiter und steigert sich zum jubilierenden Gestus.

Es folgte das Konzert für Cello und Orchester des weitgehend vergessenen Robert Volkmann. Als Solistin zog Elisabeth Fürniss die Zuschauer in der ausverkauften Aula in ihren Bann, wobei das Stück trotz einer einprägsamen Hauptmelodie erst nach und nach eingängig wird. Viel Applaus gab es, als das Cello nach einer bewegten Schlussphase in sanften Tönen langsam verstummte.

Dann gab es – auch für den Dirigenten – eine Überraschung. Ohne Absprache mit dem Kapellmeister hatte Fürniss mit dem Orchester heimlich ein paar Zugaben eingeübt. Anton Dvoraks nur sechzig Sekunden dauerndes „Lamento“ gehörte dazu, aber auch desse „Waldesruh“. Zusammen wurden diese Stücke gespielt, so die Cellistin, weil derjenige, der laut klage (lamentiere), Chancen habe, Trost zu finden.

Später wurde mit der holländischen Rhapsodie „Piet Hein“ des Niederländers Peter van Anrooy eine weitere Wiederentdeckung vorgestellt – und eben die Neunte von Schostakowitsch.

Sehr viel Applaus.

Westfälische Nachrichten vom 27.09.2016
Michael Schardt

Konzert vom 13.03.2016

Münster - Beethoven, Brahms und ein technisch anspruchsvolles Klavierkonzert, das von einem Opernsänger bravourös bewältigt wurde – das Konzert der Alten Philharmonie im Waldorf-Konzertsaal wurde gefeiert.

Thorsten Schmid-Kapfenburg wollte seit Langem dieses Klavierkonzert dirigieren, betonte er in seiner Moderation. Es gelte als technisch anspruchsvoll: Ein Pianist habe sich beim Spiel sogar mal einen Finger gebrochen. Überhaupt gebe es nur wenige Pianisten, die es spielen können: „Und dass wir einen hauptberuflichen Opernsänger treffen, der das spielt: Das ist weltweit einzigartig!“, freute er sich.

Am Ende gab es tosenden Beifall und stehende Ovationen für den Pianisten Enrique Bernardo (tatsächlich Mitglied des Opernchors des Theater Münster), der Sergei Prokofjews zweites Klavierkonzert bravourös und

mit unglaublicher Vitalität

spielte. Die lange Kadenz zauberte er mit viel Verve aus dem Flügel, hatte Freude an Dynamik und Ausdruck und streute elegante Artikulationen in rasante, blitzsaubere Läufe. Immer ein wenig drängend lockte er aus Prokofjews Werk viel musikalisches Temperament heraus, überzog aber nie.

Die Alte Philharmonie Münster legte dem Pianisten, konzentriert und zuverlässig, einen roten Tonteppich zum Klavierspiel aus und darf einen gehörigen Anteil des riesigen Beifalls für sich verbuchen.

In der Zugabe begleite Bernardo sich selbst am Klavier und sang eine Arie.

Das ist tatsächlich rekordverdächtig!

Im voll besetzten Konzertsaal der Freien Waldorfschule zeigte sich die Alte Philharmonie überhaupt in bester Verfassung. Eine Uraufführung eröffnete die zweite Konzerthälfte. Norbert Linkes „Elegie über das Leiden der Menschen“ in der Fassung für Orchester lag auf den Pulten.

Nach der leisen, sehr ruhigen Einleitung kam ein wenig melodische Bewegung hinzu, die Dynamik wurde kräftiger. Trotzdem überwog der meditative Charakter – ruhige Musik, die dazu verleitete, die Gedanken weit schweifen zu lassen. Zu Konzertbeginn gab es (geadelt von den gut aufgelegten hohen Streichern) Ludwig van Beethovens Ouvertüre zu „Egmont“. Das Dirigat lockte großen und sauberen Klang aus dem engagierten Orchester.

Die dritte Sinfonie von Johannes Brahms beendete das Konzert: voller Streicherklang, sichere Einsätze in der Ablösungen der Bläser, exakte Akzente des Schlagzeugers. Ein wenig verlor sich der zweite Satz; doch im dritten Satz (Poco Allegretto) sang das Orchester geradezu. Temperamentvoll beendete die Alte Philharmonie die Sinfonie.

Dafür gab es ebenfalls sehr viel Applaus.

Westfälische Nachrichten vom 15.03.2016
Heike Eickhoff

Konzert vom 13.09.2015

Die Alte Philharmonie Münster feierte am Sonntag mit ihrem Herbstkonzert 25-jähriges Jubiläum. Solist des umjubelten Konzertes war der in Münster verwurzelte Jazz-Saxofonist Wolfgang Bleibel. In dem sehr gut besuchten Konzert erklangen unter der hervorragenden Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg Werke von Richard Wagner, Jörg Achim Keller und Jean Sibelius.

Das große Orchester fand in Wagners anfänglichem „Vorspiel zu ,Die Meistersinger von Nürnberg’ bald zu gewohnt sicherem Zusammenhalt. Durch und durch in klarem, zügigem Tempo dirigierte Schmid-Kapfenburg das Orchester, das nach fulminantem Beginn erst zum Ende mit Blechbläserklängen die Dynamik wieder üppig anschwellen ließ.

Es folgte ein riesiger Kon­trast. 2005 komponierte der Schweizer Jörg Achim Keller das Konzert „11 Bilder von Edvard Munch“ im Auftrag von Jazz-Saxofonist Wolfgang Bleibel. Cellistin Suse Morawietz hielt über die jeweils musikalisch porträtierten Munch-Werke zuvor einen kurzen Vortrag. Am Sonntag erklangen aus Kellers Konzert-Zyklus sieben kontrastreiche Crossoversätze. In der Tat stellt dessen durch und durch jazziger Kompositionsstil ein klassisches Sinfonieorchester vor einige Herausforderungen. Bleibel und Schmid-Kapfenburg führten hin zu grell-kreischenden Schreien aus der Natur („Der Schrei“), oder gackernden Enten („Junge Leute und Enten“), was schon ein bisschen an die Tonsprache Prokofjew in „Peter und der Wolf“ erinnerte. Dann wieder verwandelte Bleibel das Orchester in einen riesig-groovigen Klangkörper. Großartig, wie er mit Schmidt-Kapfenburg kommunizierte, der kongenial dirigierte und alle mitriss.

Das Publikum war völlig aus dem Häuschen.

Bleibel konterte die Bravorufe mit dem Richard Rogers Klassiker „He was too good to me“, ebenfalls aus der Feder Kellers für Saxofon und Orchester, als Zugabe.

Die zweite Konzerthälfte war Sibelius, dessen 150 Geburtstag in diesem Jahr ist, gewidmet. Mit dem „Andante Festivo“ und der Sinfonie Nr. 1, e-moll bewies die Alte Philharmonie beste Qualitäten und gewohnt souveräne Qualitäten in der Interpretation romantischer Musik.

Westfälische Nachrichten vom 14.09.2015
Ulrich Coppel

Konzert vom 14.09.2014

Rasender Applaus für den „Titan“ - Arthur Benjamin kennt man vor allem aus dem Thriller „Der Mann, der zu viel wusste“ von Alfred Hitchcock. Zum Schluss wird in der Royal Albert Hall in London Benjamins „Storm Cloud Cantata“ aufgeführt. Ein Beckenschlag markiert das finale Fortissimo - und ist zugleich Zeichen für den Mordanschlag auf den ausländischen Präsidenten. Die Alte Philharmonie hatte für den Congress-Saal am Sonntag ein weniger tödliches Stück erkoren: Benjamins „Romantische Fantasie“ für Violine, Viola und Orchester.

Mühelos demonstrierten Svenja Ciliberto (Viola) und Mihai Ionescu (Violine) die anspruchsvolle Artistik ihrer Parts, die kaum zu melodischen Kantilenen finden. Schellenkranz und Triangel geben Kolorit, Holzbläser die Farbe, Streicher die Kulisse - die perfekte Bühne für ein Orchester, das sich mit heroischer Verve der tückischen Partitur entgegenwarf.

Mit Ludwig van Beethovens Coriolan-Ouvertüre op. 62 hatte der Abend begonen, sie vereint alle Vorurteile über den Großmeister, die im Umlauf sind: düstere, entschlossene, heroische, schicksalhafte Musik. Dieses Postkarten-Image verweigerte Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg, indem er das Stück zügig, aber ohne Titanen-Attitüde dirigierte.

„Titan“ hatte zunächst Gustav Mahler seine Sinfonie Nr. 1 D-Dur getauft, den Namen zog er später wieder zurück. Mahlers Erstling zählt dennoch zu den spektakulären Spezialfällen des Repertoires, eine Welt-Sinfonie. Selten dürfte die prominente Rolle der Hörner grandioser in Szene gesetzt worden sein als in dieser Aufführung. Glanz und Attacke wirkten beispiellos präsent und naturhaft, als beschützten sie den heiligen Text dieser neuen Musik.

Das Orchester wuchs über sich hinaus

die Violinen artikulierten empfindsame Portamenti, die Piccoloflöte intonierte den bedeutendsten Tinnitus der Musikgeschichte, Blechbläser lieferten neutestamentarische Fanfaren. Rasender Applaus für ein ungeheures Ereignis.

Münstersche Zeitung vom 16.09.2014
Günter Moseler

Konzert vom 16.03.2014

Münster - Das hört man nicht alle Tage – und zwar in doppeltem Sinn: Beim Konzert der Alten Philharmonie im Konzertsaal der Waldorfschule wurde selten bis sehr selten Gespieltes absolut hochklassig präsentiert. Mit Respighi, Strauss und Schostakowitsch wurden Schlaglichter auf die musikalische Landschaft im Europa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesetzt, denen vor allem eins gemeinsam ist:

eine hochvirtuose, meisterhafte Behandlung des Orchesters.

Gleich zu Beginn gelang das dem Orchester mit Respighis „Ballata delle Gnomidi“ unter Thorsten Schmid-Kapfenburgs umsichtiger Leitung fabelhaft. Die Ballade, die dem Stück zugrunde liegt, ist ziemlich verstörend: Zwei weibliche Gnome zerren einen männlichen in ein abgedunkeltes Schlafzimmer, um ihn in einer Art sexuellem Ritual schließlich zu töten.

Ein spitzer Schrei lässt andere draußen wartende Gnome verstummen. Der blutüberströmte Körper wird von den beiden am Abend unter Flüchen die Klippe hinuntergeworfen, ein ekstatischer Tanz gleich einem Hexensabbat folgt. Vielleicht lag es daran, dass das Werk zunächst wenig erfolgreich war. Musikalisch ist es höchst effektvoll, was das Orchester ausdrucksstark und differenziert zelebrierte.

Für Richard Strauss’ „Vier letzte Lieder“ kündigte Schmid-Kapfenburg die Solistin Katarzyna Grabosz wegen eines Infekts stimmlich angeschlagen an, was ihr allerdings nur in den tieferen Lagen ein wenig anzumerken war. Ansonsten sang sie Strauss’ weite melodische Bögen, die von Abschied und Todesahnung handeln, mit berührender Innigkeit und warmem Timbre. Zu Recht erntete sie dafür stürmischen Beifall.

Den Abschluss bildete Schostakowitschs 5. Sinfonie d-Moll, in der Schmid-Kapfenburg vor allem im vierten Satz den vor Ironie triefenden D-Dur-Jubel gekonnt herausarbeitete. Da musste man frei nach dem Komponisten wirklich ein Trottel sein, die musikalische Linientreue unter Stalin mit zackigen Marschrhythmen und bombastischem Finale nicht als verordnet und aufgezwungen zu erkennen. Das erfreulich zahlreiche Publikum durchblickte das mit minutenlangem Beifall.

Westfälische Nachrichten vom 17.03.2014
Frederik Wittenberg

Konzert vom 13.10.2013

Münster - „Mal was anderes“, kommentierte Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg mit Understatement den Anblick des XXL-Instruments zu seiner Linken. Ein Alphorn spielte beim jüngsten Konzert der Alten Philharmonie Münster eine zentrale Rolle.

„Die originellsten Sinfoniekonzerte erlebt man bei Münsters Laienorchestern“ – wer diesen Gedanken bislang nie im Kopf hatte, dachte ihn vielleicht am Sonntag in der Waldorfschule, als das Solo-Instrument des Abends durch die Sitzreihen gewuchtet wurde: ein Alphorn. Was ursprünglich zwischen Weide und Kuhglocken seinen Stammplatz hatte, erhielt spätestens 1970 symphonische Weihen: Jean Daetwylers Konzert für Alphorn und Orchester; es war Michael Koch, Solo-Hornist beim Sinfonieorchester Münster, der hier seine Alphorn-Premiere gab. Marathon-Applaus!

„Mal was anderes“, kommentierte Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg mit Understatement den Anblick des XXL-Instruments zu seiner Linken. Erster Satz: Ein „Betruf“, der (angeblich) den einsamen Schafhirten auf der Alp vor bösen Geistern bewahren soll. Und Michael Kochs mächtiger Ansatz und langer Atem evozierten im Waldorf-Saal tatsächlich die Weite und Einsamkeit einer Alpenlandschaft.

Das Konzert kommt großteils im Gewand der – 1970 wahrlich verpönten – Spätromantik daher. Mysteriöse Tremoli, idyllisches Englischhorn, effektvolle Orchestrierung mit keckem Schlagzeug: Das Werk gibt keine Rätsel auf und kommt beim Publikum toll an.

Eigentlich hätte im Anschluss Brahms’ Erste gut gepasst, bezieht sich deren Hornsolo im Finale doch ebenfalls aufs Alphorn. Doch die Alte Philharmonie hatte die vierte Brahms-Sinfonie gewählt – und spielte sie begeisternd. Der Dirigent entschied sich für flüssige Tempi und lotete das Werk auch emotional aus. Allein die Wehmut und Melancholie des Andantes hätten das Konzert gelohnt (Danke, Cello-Gruppe!). Mochte es im Blech auch mal klappern –

die Leistung des Orchesters beeindruckte bis zum zornig-dramatischen Finale.

Der erste Komponist des Abends, Jean Sibelius, inspirierte den Dirigenten zur gut gelaunten Moderation; zu musikphilosophischen Zitaten über die Stille als „Leinwand des Musikers“. Sibelius’ nur fünfminütige „Dryade“ ist ein Natur-Spuk über weibliche Baumgeister. Und seine berühmte „Valse triste“ erklang schier vorbildhaft.

Westfälische Nachrichten vom 14.10.2013
Arndt Zinkant

Konzert vom 14.04.2013

Zwei groß besetzte Werke vor ausverkauftem Haus: Mit Dvoráks berühmtem Cellokonzert und der zweiten Sinfonie von Sergej Rachmaninow feierte die Alte Philharmonie Münster am Sonntagabend im Waldorf-Konzertsaal ein Klangfarbenfest. Holz- und Blechbläser, Streicher, Schlagzeug – die Musiker unter der Leitung von Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg spielten fantastisch zusammen.

Cellistin Lucie Stepanova verknüpfte in Antonin Dvoraks Cellokonzert h-moll Klang mit Virtuosität. Das charakteristische Eingangsthema im ersten Satz zeigte schon zu Beginn, dass hier auch das Orchester mehr als nur ein paar Akkorde zur Begleitung liefert. Die junge Solistin ließ den Dialog gerne zu, gab Impulse und schwelgte. Besonders eindrücklich gelang der zweite Satz, der eine geradezu majestätische Ruhe ausstrahlte und so eine besondere Atmosphäre in den Saal zauberte. Auch im munteren Finalsatz zeigten sich Orchester und Solistin bestens aufeinander eingespielt.

Mit ähnlicher Akribie und Wärme ging das Orchester in der Sinfonie Nr. 2 e-moll von Sergej Rachmaninow zu Werke. Vom großen Tutti bis ins kleinste solistische Detail überzeugend, wurde die kompositorische Dichte des groß besetzten Werks schnell deutlich. Ein wunderschönes Klarinettensolo im dritten Satz, gut aufgelegte Hörner,

ein Traum von einem Streicherklang – ein richtiger Hörgenuss

Ob die romantische Sinfonie die „letzte Schranke zwischen der Wahrheit und ihrer Formulierung“ überwunden hat, wie Rachmaninow es sich für seine Kompositionen wünschte? Gut möglich. Die Herzen der Zuhörer hat diese Musik auf jeden Fall erreicht, wie der begeisterte minutenlange Applaus gezeigt hat.

Für das nächste Programm mit der vierten Sinfonie von Johannes Brahms sind neue Mitspieler in der Alten Philharmonie willkommen, vor allem Streicher und Fagotte.

Westfälische Nachrichten vom 15.04.2013
Brigitte Heeke

Konzert vom 18.03.2012

Donnerschlag - wer hätte mit einem solchen Violinkonzert gerechnet! Maia Shamugia überraschte schon in den ersten paar Takten, die Jean Sibelius ihr in seinem Opus 47 abverlangt: groß der Geigenton, raumgreifend und von schwerer, dunkler Farbe.

Was dann bis zum Schluss des dritten Satzes passierte, war schlichtweg umwerfend.

Kein Moment, der daran erinnert hätte, dass Sibelius es seinen Interpreten höllisch schwer macht. Shamugia nahm alle Herausforderungen mit einer verblüffenden Grandezza, jubelte durch die irre schnellen Läufe, bewältigte Doppelgriffe wie ein Kinderspiel – toll!

Seit drei Jahren ist Maia Shamugia zweite stellvertretende Konzertmeisterin des Sinfonieorchesters Münster. Im Konzertsaal der Waldorfschule nun spielte sie zusammen mit der Alten Philharmonie unter Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg. Im schönsten Miteinander. Denn die Geigerin aus dem georgischen Tbilissi ist nicht nur technisch hoch virtuos sondern lotet Sibelius zusammen mit dem Orchester vor allem auch auf seinen emotionalen Gehalt hin aus. Temperament hat sie im Übermaß, da durfte es auch schon mal krachen, warum nicht. Wenn dann die Musik ihre zarten, leicht sentimentalen Seiten zeigte, ließ Shamugia ihr Instrument wie mit einem kleinen Tränchen im Auge singen. Ein wenig diabolisch blinzelte ihr Finalsatz, lupenrein darin die Flageoletts. Das Publikum überschlug sich vor Begeisterung, dafür gab es Bach als Zugabe. Auch die Alte Philharmonie hat einen dicken Lorbeerkranz verdient. Für Erich Wolfgang Korngolds „Thema und Variationen“ op. 42 zum Beispiel. Die wirkten so, als sei der Komponist ein direkter Nachfahre von Max Reger gewesen. Edvard Griegs „Huldigungsmarsch“ mit schnarrender Trommel, schwerem Blech und feierlichem Duktus lieferte das Präludium zu Griegs ausgedehnter c-Moll-Sinfonie: das Werk des 20-jährigen Meisters. Auch hier zeigten sich die engagierten und ausnehmend hoch motivierten Orchestermusikerinnen und -musiker von ihrer besten Seite. Thorsten Schmid-Kapfenburg entwickelte einen satten, strahlenden Klang mit charakteristischen Farben. Und wieder gab es einen Riesenapplaus – voll und ganz verdient.

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Westfälische Nachrichten vom 20.03.2012
Chr. Schulte im Walde

Konzert vom 21.10.2011

Pianist Gabriele Cervone und die Alte Philharmonie im Waldorf-Konzertsaal Münster – „Echte Kunst ist eigensinnig“ sagte Beethoven einst, und seinem großartigen Klavierkonzert Nr.5 hört man es ein wenig an. Denn sonst hätte der Meister dem Pianisten nicht diese wunderbare, freche Eröffnung geschrieben – viele Takte ohne Orchester. Das kommt, nur mit ein paar Akkordblöcken, sparsam dosiert dazu.

Die Alte Philharmonie unter Thorsten Schmid-Kapfenburg gewann für diesen Solopart den Pianisten Gabriele Cervone. Der Pianist und Musikwissenschaftler ging beim Konzert elegant an seine Stimme heran. Das Orchester begleitete mit großer Spielfreude. Nach diesem Meilenstein führte der Komponist Norbert Linke persönlich in seine musikalische Skizze „Erinnerung an Czernowitz“ ein. Gefühlvoll, mit wiederkehrender, eingängiger Melodik und ein paar Glockenspieltönen dargeboten, erinnerte das hübsche Werk an Filmmusik. Einsame Seen im Herbstnebel tauchten vor dem geistigen Auge auf. Nach der Pause ging es nach Finnland mit „Suomalainen myytti“ von Einojuhani Rautavaara. Die Streicher bauten, beginnend mit den Kontrabässen, einen interessanten Klangteppich auf. Ein paar Glissandi, ein bisschen harmonische Neutönigkeit sorgten dafür, dass es nicht allzu lieblich wurde. Am Ende dann das Hauptwerk: Dvoraks fünfte Sinfonie.

Großer Sound liegt dem Orchester

und die mit viel Schmelz singenden Violoncelli zu Beginn des zweiten Satzes gefielen den Zuhörern. Leider waren aber so einige Plätze im Zuschauerraum nicht besetzt.

Westfälische Nachrichten vom

Konzert vom 21.03.2010

Spitzenleistung trotz Stromausfall

Das große Musik über jedes Dunkel triumphie­ren kann, hätte die Alte Phil­harmonie nicht grandioser unter Beweis stellen können als in ihrem von zeitweiliger Düsternis behelligten Kon­zertkrimi in der Waldorfschu­le. Jenseits menschlichen Er­messens flogen alle Sicherun­gen raus und tauchten den Saal in märchenhafte Finster­nis. Oboist Wolfgang Bern­hardt modulierte dennoch üppig-elegische Töne in Keith Jarretts Adagio für Oboe und Streichorchester und hielt erst in restloser Dunkelheit inne.

So abenteuerlich die Licht­kapriolen, so abenteuerlich auch Friedrich Guldas Cello­konzert. Hier rennen die In­strumente durch die Stile wie auf einem Jahrmarkt. Der So­list Olaf Nießing ließ den Bo­gen schroff sausen, bevor das Orchester im Big-Band-Sound losplätscherte, von heftigen Bläsereinsätzen torpediert. Dann verabreichten Klarinet­ten und Flöten der Musik ländliche Zwischentöne. Der zweite Satz „Idylle" schickte programmgemäß Hörnerschall und Jagdintervalle durch die Partitur. Dann un­ternahm das Cello einen Waldspaziergang, „Guter Mond du gehst so stille" schien durch die Partitur, während Fagotte und Oboen ein paar seltsame Räuze imi­tierten. Manchmal erinnerte sich das Cello seiner Jazz- Vorlieben und adeligen Ver­gangenheit. Im Finale rausch­te Rrawall, im Orchester übernahmen Melodien aus zweiter und dritter Hand das Kommando. Hinreißend montierte Musikgeschichte im Zeitraffer.

Tschechisches Amerika

In Antonin Dvoraks Sinfonie Nr. 9 e-Moll „Aus der neuen Welt" weht tschechische Luft durch Amerika. Auch hier bieten diverse Takte Musik zum Mitsummen feil. Das Or­chester unter Thorsten Schmid-Kapfenburg setzte präzise Akzente, hielt klang­schöne Balance mit rasant­energischen Streichern. Die Signalrufe der Hörner, die folkloristisch-indianischen Motive des langsamen Sat­zes, das Scherzo, dessen Pau­kenmotive mit sprödem Elan hingedonnert wurden, der pathetisch hochfahrende Gestus des weitherzigen Fi­nalthemas - das Orchester spielte sie mit sattem Klang und strikter Artikulation. Ein tolles Konzert. Licht aus!

Münstersche Zeitung vom 23.03.2010
Günter Moseler

Konzert vom 04.10.2009

Romantik in großer Besetzung

Münster – Russische Komponisten sind eine Spezialität der „Alten Philharmonie Münster“. Das stellten die Musiker am Sonntagabend im Waldorf-Konzertsaal in Gievenbeck erneut unter Beweis. Unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg brillierte das Orchester in großer Besetzung mit Werken von Anatoli Ljadow, Alexander Borodin und Sergej Rachmaninow.

Mit dem Pianisten Edgar Wild bildete Rachmaninows zweites Klavierkonzert das Herz des Abends. Volle Akkorde, virtuose Läufe – der Solist schwelgte gemeinsam mit dem ebenfalls hervorragend aufgelegten Orchester in einem romantischen Klangideal. Dafür ernteten Solist und Orchester herzlichen Applaus und Bravo-Rufe. Zwar gefiel auch die vorangegangene „Kikimora“, eine sinfonische Dichtung von Anatoli Ljadow, die sich manchmal wie eine entfernte Verwandte von Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ anhörte. Die „Alten Philharmoniker“ spielten den kecken Poltergeist feinsinnig und gut, mit einem schönen Aha-Effekt am Ende. Aber zum Klavierkonzert, den Polowetzer Tänzen von Borodin und zu Rachmaninowa „Toteninsel“ schien das Orchester erst so richtig aufzutauen.

Der Chemie-Professor Borodin soll die Musik als „Zeitvertreib“ angesehen haben, „als eine Erholung von ernsteren Beschäftigungen“. Seiner Oper „Fürst Igor“ verdankt die Musikwelt die beliebten Polowetzer Tänze, Vor allem die Schlagzeuger und Bläser der Alten Philharmonie zeigten hier Temperament.

Von Arnold Böcklins „Toteninsel“ kannte Sergej Rachmaninow glücklicherweise neu eine Schwarz-Weiß-Radierung, bevor er eine Tondichtung über das Gemälde schrieb. Zum einen hätte ihn dessen Farbversion nach eigenen Aussagen gar nicht erst zu einer Komüosition bewegt. Zum anderen gibt seine Vertonung nun den Orchestern die Gelegenheit, das Schwarz-Weiß mit Klangfarben zu illustrieren.

Da läßt sich die „Alte Philharmonie“ nicht lange bitten. Trotz herrlich düsterer, tiefer Holzbläsersätze und anderer Mittel, die typischerweise in der Musik auftauchen, wenn es um das Totenreich geht, schien in ihrer Interpretation fast das ursprüngliche Anliegen des Künstlers zu überwiegen, nämlich „ein Bild zum Träumen, zum Nachdenken“ zu malen.

Westfälische Nachrichten vom 05.10.2009
Brigitte Heeke

Konzert vom 13.04.2008

Musik im Winterpelz

Alle reden von Aufbruch - Detlev Glanert komponierte ihn. Den „Auf­bruch für Orchester“ des 1960 geborenen Komponisten hatte die Alte Philharmonie an den Beginn ihres Konzerts gesetzt - und sah damit absolut nicht „alt“ aus. Das Stück begeis­terte mit spannenden Klange­ruptionen, wo andere Neutö­ner sich in verkopftem For­malismus verlieren. Im selben Geiste war auch das Schlag­zeug-Konzert (1958) von An­dré Jolivet komponiert, das Percussionist Ralf Bachmann mit so viel Schmackes über die Rampe brachte, dass sein Publikum ihn mit „standesge­mäßem“ Fußtrommeln feierte. Die derart elektrisierten Oh­ren beträufelte Maestro Thors­ten Schmid-Kapfenburg am Ende mit Tschaikowsky-Bal­sam; ein Programm, in dem die Alte Philharmonie wieder einmal vernachlässigte Perlen ins verdiente Rampenlicht holte.

Klangästheten mussten das eine oder andere Wermut­ströpfchen schlucken: Nicht nur dass Jolivet wie auch Tschaikowsky mehr Raffines­se in ihre Partituren gestrickt hatten, als speziell die Vio­linen hervorzauberten — das Orchester hatte auch „aus or­ganisatorischen Gründen“ sei­ne Heimstatt, den Waldorf­ Konzertsaal, verlassen. Und in der engeren Aula des Stein-, Gymnasiums konnten sich weder französischer Klangcocktail noch russische Strei­chermelancholie voll entfal­ten.</p>

Ralf Bachmann hat den Arm, alle Bedenken wegzufe­gen: Mit rasiertem Schädel und hochgekrempelten Är­meln bedient er wie unter Strom sein Schlagzeug-Sam­melsurium. Einer, für den Rhythmus Chefsache ist und der auch mal hinlangt wie Rocky Balboa. Vor allem im Kopfsatz des moderat moder­nen Jolivet-Konzerts, wo die Pauken sich mit schwerem or­chestralem Geschütz martia­lisch zu Wort melden. Das Xylofon klackert im Scherzo grotesk-ironisch vorüber. Den langsamen Satz spielt der So­list an der Rampe, spaziert mit Vibrafon und Becken wie auf Katzenpfötchen durch die­se „wehmütige“ Musik. Tschaikowskys „Winterträumen“, seiner ersten Sym­phonie, kann man sich im Konzert allzu selten hingeben. Keine leichte Aufgabe für Schmid-Kapfenburg: Wo rus­sische Seele sich im Oberflächenglanz verbirgt und Elfen­zauber unter Eiszapfen fun­kelt, braucht‘s mehr Raffinesse als etwa bei Haydn oder frühem Schubert. Das gelingt in den Binnensätzen stim­mungsvoll. Im Kopfsatz agie­ren die Streicher zu steif, um eine Schneelandschaft vors Ohr zu zaubern. Auch dem Finale hätte wohl der „Punch“ gefehlt — wäre da nicht wieder Ralf Bachmann zur Stelle gewesen, der mächtig auf Pauke haute.

Westfälische Nachrichten vom 15.04.2008
Arndt Zinkant

Konzert vom 13.04.2008

Der Schlagzeuger ist der Sprengmeister des Or­chesters. Wenn es donnern und krachen soll, genügt ein göttlicher Fingerzeig des Diri­genten - und schon spannen sich Muskeln, wirbeln Unter­arme wie Sprungfedern, be­findet sich der Schlagzeuger im sportiven Ganzkörperein­satz.

Ralf Bachmann bewies neben vehementer Schlag­kraft besonderes Fingerspit­zengefühl für die rhythmi­sche Feinmechanik des „Kon­zert für Schlagzeug und Or­chester“ von Andé Jolivet (1905-1974), das im Mittel­punkt des Abends der Alten Philharmonie in Münsters Freiherr-vom-Stein Gymnasi­um stand.

Das Orchester mischte die harmonischen Elemente wie Gewürze in die Musik. Mit Stöcken und Schlegeln rührte Bachmann Rhythmusmixtu­ren wie mit einem Schneebe­sen unter die nervös beweg­ten Orchesterpassagen, spur­tete an der meterlangen Schlagzeugbatterie wie an Kochtöpfen vorbei, die alle überzukochen drohten.

Tro­ckene Präzision und elemen­tare Wucht bestimmten sein Spiel

Maestro Thorsten Schmid-­Kapfenburg hatte zuvor Detlev Glanerts „Aufbruch“ für Orchester mit klarer Zeichen­gebung dirigiert, ohne die zu­nehmend unruhigere instru­mentale Atmosphäre zu forcieren. Die gemäßigte Moder­nität des Stücks wirkte über­zeugend, ohne dass die Span­nung den Atem verschlagen hätte.

Für kühne Spannungskur­yen an Steilhängen war Peter Tschaikowky zuständig. Sei­ne erste Sinfonie „Winter­träume“ bot in ihren vier Sät­zen notorische Minidramen, Müßiggang und Albumselig­keit, denen das Orchester mit nobler Zurückhaltung folgte. Den breiten Kantilenen dieser Musik im Winterpelz gab Schmid-Kapfenburg Raum und Farbe. Im Scherzo schie­nen die Motive des Hauptthe­mas wie Eisblumen an der Partitur zu heften. Begeister­ter Beifall.

Münstersche Zeitung vom 15.04.2008
Günter Moseler